Naffziger Test

Der Naffziger Test, auch bekannt als Naffziger-Zeichen, ist ein klassisches klinisches Untersuchungsverfahren zur Beurteilung von Nervenwurzelkompressionen im Bereich der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Er wurde nach dem US-amerikanischen Neurochirurgen Howard Christian Naffziger (1884–1961) benannt, der den Test in den 1940er-Jahren beschrieb. Ziel der Untersuchung ist die Provokation von Symptomen, die auf eine mechanische oder entzündliche Reizung einer Nervenwurzel hinweisen können.

Indikation

Der Naffziger-Test wird in der neurologischen und orthopädischen Untersuchung eingesetzt, wenn der Verdacht auf eine radikuläre Symptomatik besteht. Typische klinische Hinweise sind:

  • Ausstrahlende Schmerzen entlang eines Dermatoms (z. B. bei Zervikobrachialgie oder Ischialgie)
  • Parästhesien oder Taubheitsgefühle
  • Muskelschwäche in einem myotombezogenen Areal
  • Reflexabschwächung

Er dient als ergänzender Provokationstest neben anderen etablierten Verfahren wie dem Spurling-Test, dem Lasègue-Test oder dem Bragard-Zeichen.

Durchführung des Naffziger Test

  1. Ausgangsposition: Der Patient sitzt aufrecht, der Untersucher steht hinter dem Patienten.
  2. Kompression: Der Untersucher legt seine Finger beidseits auf die V. jugularis interna und komprimiert diese sanft. Die Kompression führt zu einem kurzzeitigen Anstieg des intrakraniellen Drucks.
  3. Dauer: Die Kompression wird für maximal 30 Sekunden aufrechterhalten. (Historisch empfahl Naffziger eine deutlich längere Dauer von bis zu 10 Minuten, was heute als nicht vertretbar gilt.)
  4. Provokation: Nach der Kompression wird der Patient aufgefordert, zu husten. Dies steigert den intrathorakalen und intraduralen Druck und kann bei bestehender Kompression Symptome provozieren.
  5. Beobachtung: Der Untersucher achtet auf das Auftreten von Schmerzen, Parästhesien oder neurologischen Ausfallsymptomen.

Wichtiger Sicherheitshinweis

Treten während der Kompression Schwindel, Benommenheit oder Sehstörungen auf, muss die Untersuchung sofort abgebrochen werden, da eine vorübergehende zerebrale Hypoxie drohen kann.

Interpretation des Testergebnisses

Ein positiver Naffziger-Test liegt vor, wenn die beschriebenen Symptome reproduzierbar auftreten, insbesondere:

  • Radikuläre Schmerzen im Verlauf eines bestimmten Nervs
  • Ausstrahlende Beschwerden in Arm oder Bein (je nach betroffener Region)
  • Parästhesien oder Dysästhesien

Diese Befunde sprechen für eine mechanische Kompression einer Nervenwurzel oder für eine raumfordernde intradurale oder epidurale Struktur, z. B.:

  • Bandscheibenvorfall
  • Spinalkanalstenose
  • Tumor oder Zyste
  • Entzündliche Raumforderung

Ein negativer Test schließt eine Nervenwurzelkompression jedoch nicht sicher aus, da Sensitivität und Spezifität begrenzt sind.

Klinische Bedeutung und Evidenzlage

In einer Studie von Vroomen et al. (2000), die die Konsistenz von Nervenwurzelspannungstests bei Patienten mit Lumboischialgie untersuchte, zeigte sich das Naffziger-Zeichen als einer der konsistentesten klinischen Parameter (Konsistenz > 0,66). Das unterstreicht seinen diagnostischen Wert als ergänzendes Zeichen neben anderen Tests.

Trotz seiner historischen Bedeutung wird der Test in der modernen klinischen Praxis heute nur selten angewendet, da er invasiver und weniger spezifisch ist als alternative Untersuchungsmethoden. Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT haben den Naffziger-Test weitgehend ersetzt, dennoch bleibt er ein interessantes Beispiel für die Entwicklung der neurologischen Untersuchungstechniken.

Differenzialdiagnosen

Bei einem positiven Naffziger-Test müssen folgende Ursachen differentialdiagnostisch bedacht werden:

  • Bandscheibenvorfall (zervikal, thorakal oder lumbal)
  • Foraminale Stenose
  • Intradurale oder extradurale Tumoren
  • Entzündliche Prozesse (z. B. Spondylodiszitis)
  • Plexusneuralgie

Vergleich zu anderen Provokationstests

TestZielstrukturAuslösendes ManöverAussage
Naffziger-TestNervenwurzelJugularvenenkompression + HustenRadikulärer Schmerz bei Druckanstieg
Spurling-TestZervikale NervenwurzelKopfextension + Lateralflexion + axialer DruckZervikale Radikulopathie
Lasègue-TestN. ischiadicusPassive Beinhebung in RückenlageLumbale Nervenwurzelreizung
Bragard-ZeichenN. ischiadicusDorsalflexion des Fußes nach LasègueVerstärkung der Ischiasbeschwerden

Historischer Hintergrund

Howard C. Naffziger war Professor für Neurochirurgie an der University of California, San Francisco (UCSF) und ein Pionier auf dem Gebiet der operativen Behandlung von Hirn- und Wirbelsäulenerkrankungen. Sein nach ihm benannter Test wurde 1940 erstmals beschrieben (Gird & Naffziger, Trans Am Neurol Assoc 1940;66:45–49). Die Idee beruhte auf der Beobachtung, dass ein kurzfristiger Druckanstieg im venösen System radikuläre Schmerzen verstärken kann.

Fazit

Der Naffziger-Test ist ein historisch bedeutsamer, heute jedoch selten verwendeter Provokationstest zur Beurteilung einer Nervenwurzelkompression der Wirbelsäule. Seine Anwendung erfordert Erfahrung und Vorsicht, insbesondere wegen der potenziellen Risiken bei der Kompression der V. jugularis. Trotz seiner begrenzten praktischen Relevanz bleibt er ein wichtiger Bestandteil der klinischen Lehrgeschichte und illustriert die physiologischen Zusammenhänge zwischen intrathorakalem Druck und radikulärer Schmerzprovokation.


Glossar

  • Nervenwurzelkompression: Mechanische Einengung einer austretenden Nervenwurzel durch Bandscheibenmaterial, Knochensporne oder Raumforderungen.
  • Radikulopathie: Krankheitsbild, das durch Reizung oder Schädigung einer Nervenwurzel entsteht.
  • V. jugularis interna: Große Halsvene, die das Blut aus dem Gehirn ableitet.
  • Parästhesie: Missempfindung, z. B. Kribbeln oder Taubheit.
  • Spinalkanalstenose: Verengung des Wirbelkanals mit Druck auf das Rückenmark oder Nervenwurzeln.
  • Intradural: Innerhalb der harten Hirnhaut (Dura mater) gelegen.
  • Provokationstest: Klinischer Test, der Symptome durch gezielte Belastung oder Bewegung hervorruft, um die Ursache besser zu identifizieren.

Externe medizinische Quellen