Kehr Zeichen

Das Kehr Zeichen ist ein klassischer klinischer Befund, der in der Notfall- und Viszeralchirurgie eine wichtige Rolle spielt. Es beschreibt übertragene Schmerzen in der linken Schulter, insbesondere im Bereich der Schulterspitze und oberhalb des Schlüsselbeins, die durch eine Reizung des Zwerchfells ausgelöst werden. Diese Schmerzen entstehen aufgrund der gemeinsamen Innervation des Zwerchfells und der Schulterregion durch den Nervus phrenicus (C3–C5). Das Kehr-Zeichen ist vor allem bei intraabdominellen Blutungen, Milzrupturen oder anderen Formen von Zwerchfellreizungen von diagnostischer Bedeutung.

Dieser Artikel erläutert den physiologischen Mechanismus, die klinische Untersuchung, die diagnostische Relevanz sowie die wichtigsten Differenzialdiagnosen des Kehr-Zeichens. Zusätzlich werden verwandte klinische Zeichen wie das Saegesser-Zeichen (Phrenic-Point-Test) vorgestellt.


Kehr Zeichen Pathophysiologischer Mechanismus

Der zugrunde liegende Mechanismus des Kehr-Zeichens beruht auf der gemeinsamen Nervenversorgung durch den Nervus phrenicus. Dieser Nerv entspringt aus den zervikalen Nervenwurzeln C3 bis C5 und versorgt motorisch das Zwerchfell sowie sensorisch die Pleura diaphragmatica, das Perikard und Teile des Peritoneums.

Wenn das Zwerchfell gereizt wird – etwa durch Blut, freie Flüssigkeit, Eiter oder entzündliche Prozesse in der Bauchhöhle –, werden Schmerzimpulse über den Nervus phrenicus zum Rückenmark geleitet. Das Gehirn interpretiert diese Reize jedoch falsch lokalisiert und ordnet sie den Dermatomen der Schulterregion zu, was zu den charakteristischen Schulterschmerzen führt.

Typische auslösende Faktoren

  • Hämoperitoneum (z. B. nach Milzruptur, Leberriss oder rupturierter Eileiterschwangerschaft)
  • Peritonitis oder andere intraabdominelle Entzündungen
  • Subphrenische Abszesse
  • Luft unter dem Zwerchfell nach perforiertem Hohlorgan
  • Zwerchfellnahe Tumoren oder Zysten

Klinische Bedeutung

Das Kehr-Zeichen ist nicht pathognomonisch, aber hoch suggestiv für eine Zwerchfellreizung, insbesondere im Zusammenhang mit traumatischen oder entzündlichen Prozessen im Abdomen. Es tritt häufig bei Milzrupturen auf und gilt daher als klassisches Zeichen eines Hämoperitoneums.

Wichtige Assoziationen

  • Milzruptur (häufigste Ursache) – typischerweise nach stumpfem Bauchtrauma oder spontaner Ruptur bei Splenomegalie
  • Abgebrochene Eileiterschwangerschaft – durch intraperitoneale Blutung
  • Rupturierte Ovarialzyste – bei ausgedehnter Blutung in die Bauchhöhle
  • Perforierter Magen oder Darm – durch freie Luft und Reizung des Zwerchfells

In Notfallsituationen kann das Kehr-Zeichen entscheidende Hinweise liefern, wenn Bauchschmerzen oder Druckschmerzen fehlen oder unauffällig sind. Gerade bei Patienten mit multiplen Verletzungen kann es der einzige frühe Hinweis auf eine intraabdominelle Blutung sein.


Klinische Untersuchung

Durchführung des klassischen Kehr-Zeichen-Tests

  1. Patientenlagerung: Der Patient liegt in Rückenlage mit leicht angehobenen Beinen (Trendelenburg-Position).
  2. Mechanismus: Diese Haltung erhöht den intraabdominellen Druck und begünstigt den Kontakt zwischen freier Flüssigkeit (z. B. Blut) und dem Zwerchfell.
  3. Beobachtung: Der Patient verspürt verstärkte Schmerzen in der linken Schulter, wenn das Zwerchfell stärker gereizt wird.
  4. Interpretation: Ein positives Kehr-Zeichen liegt vor, wenn der Schmerz durch diese Lagerung verstärkt oder provoziert wird.

Saegesser-Zeichen (Phrenic-Point-Test)

Das Saegesser-Zeichen, auch Phrenic-Point-Test genannt, ist eine Variante, die auf der direkten Reizung des Nervus phrenicus beruht.

Technik:

  1. Der Untersucher steht am Kopfende des Patienten.
  2. Der Daumen wird auf die rechte Halsseite zwischen den Muskeln M. sternocleidomastoideus und M. scalenus anterior gelegt.
  3. Durch Druck nach dorsal in Richtung Kehlkopf und Wirbelsäule wird der Nervus phrenicus stimuliert.
  4. Ein positiver Test ist gegeben, wenn Schmerzen im Oberbauch oder Unterbauch auftreten – meist entlang der lateralen Grenze des M. rectus abdominis auf derselben Seite.

Dieses Zeichen unterstützt die diagnostische Einschätzung einer peritonealen Reizung und kann ergänzend zum Kehr-Zeichen eingesetzt werden.


Diagnostische Zuverlässigkeit

Die Sensitivität und Spezifität des Kehr-Zeichens variieren je nach zugrunde liegender Ursache und Untersuchungszeitpunkt.

  • Sensitivität: Mittelmäßig; nicht alle Patienten mit Zwerchfellreizung zeigen ein positives Zeichen, insbesondere in der Frühphase eines Traumas.
  • Spezifität: Relativ hoch für Zwerchfellreizungen, aber kein absoluter Beweis für eine Milzverletzung.

Das Kehr-Zeichen kann einseitig oder beidseitig auftreten, abhängig von der Seite der Reizung. Bei Milzverletzungen überwiegt jedoch der linkseitige Schulterschmerz.

Da sich das Zeichen zeitverzögert entwickeln kann, sind serielle Untersuchungen sinnvoll, insbesondere bei Patienten mit unklaren Symptomen.


Differentialdiagnosen

Das Vorhandensein des Kehr-Zeichens sollte stets im klinischen Kontext interpretiert werden. Folgende Differenzialdiagnosen kommen infrage:

Traumatische Ursachen

  • Milzruptur (klassisch, häufigste Ursache)
  • Leberruptur – kann rechtsseitiges Kehr-Zeichen verursachen
  • Zwerchfellriss – häufig nach Hochrasanztrauma

Gynäkologische Ursachen

  • Rupturierte Eileiterschwangerschaft
  • Rupturierte Ovarialzyste
  • Starke Blutung nach Ovulation oder Endometriose

Gastrointestinale Ursachen

  • Perforiertes Ulkus ventriculi oder duodeni
  • Subphrenischer Abszess
  • Freie Luft unter dem Zwerchfell

Urologische Ursachen

  • Nierenruptur oder Hämatom
  • Pyelonephritis mit subphrenischer Reizung (selten)

Ein positives Kehr-Zeichen bei hämodynamisch instabilen Patienten sollte sofortige diagnostische und therapeutische Maßnahmen auslösen. Ein FAST-Ultraschall, gefolgt von einer CT-Abdomen-Untersuchung, kann die Blutungsquelle rasch identifizieren.


Klinische Relevanz im Unterricht

In der medizinischen Ausbildung sollte das Kehr-Zeichen nicht isoliert betrachtet werden. Es ist Teil einer Symptomkonstellation, die in Kombination mit Anamnese, körperlicher Untersuchung und Bildgebung interpretiert werden muss. Studierende sollten verstehen, dass das Zeichen keine alleinige Diagnose ermöglicht, sondern als klinischer Hinweis dient, der weitere Abklärungen erforderlich macht.

Didaktisch ist es sinnvoll, das Kehr-Zeichen in praktischen Übungen zu demonstrieren, um den Zusammenhang zwischen anatomischer Innervation und Schmerzprojektion anschaulich zu vermitteln.


Zusammenfassung

  • Das Kehr-Zeichen ist ein übertragener Schmerz in der linken Schulter infolge einer Zwerchfellreizung.
  • Es entsteht durch die gemeinsame Innervation des Zwerchfells und der Schulterregion über den Nervus phrenicus (C3–C5).
  • Hauptursachen sind Milzrupturen, intraabdominelle Blutungen und entzündliche Prozesse.
  • Der Test wird durch Lagerungsänderung oder phrenische Stimulation ausgelöst.
  • Obwohl spezifisch, ist das Zeichen nicht hoch sensitiv und muss im klinischen Gesamtbild interpretiert werden.

Glossar

Nervus phrenicus: Nerv, der das Zwerchfell motorisch und sensorisch innerviert; Ursprung in den Spinalnerven C3–C5.
Zwerchfellreizung: Schmerzhafte Irritation des Zwerchfells durch Blut, Flüssigkeit, Luft oder Entzündung.
Dermatom: Hautareal, das von einem bestimmten Spinalnerv sensibel versorgt wird.
Hämoperitoneum: Ansammlung von Blut in der freien Bauchhöhle.
Peritonitis: Entzündung des Bauchfells, häufig durch bakterielle Infektion.
Milzruptur: Einriss der Milzkapsel oder des Parenchyms, meist nach Trauma.
Saegesser-Zeichen: Schmerzprovokation durch Druck auf den Verlauf des Nervus phrenicus im Halsbereich.
Trendelenburg-Position: Lagerung mit erhöhten Beinen, um den venösen Rückfluss zu steigern und intraabdominellen Druck zu erhöhen.


Vertrauenswürdige medizinische Quellen

  • Rastogi V, Singh D, Tekiner H, Ye F, Mazza JJ, Yale SH. Physical Examination Signs of the Abdomen and Medical Eponyms. Clin Med Res. 2019;17(3–4):115–126. PubMed
  • Soyuncu S, Bektas F, Cete Y. Traditional Kehr’s Sign: Left Shoulder Pain Associated with Splenic Abscess. Turk J Trauma Emerg Surg. 2012;18(1):87–88. PubMed
  • Heslop JH. Saegesser Sign or the Phrenic Point Test. Lancet. 1956;271(6954):1184–1185. PubMed
  • Magee DJ. Orthopedic Physical Assessment. 7th Edition. Elsevier, 2021.
  • AWMF-Leitlinie: Milzverletzung – Diagnostik und Therapie. AWMF