Roos Test

Der Roos Test, auch bekannt als Hand-up-Test oder Hocharm-Stresstest, ist ein klinisches Provokationsmanöver zur Diagnostik des Thoracic-Outlet-Syndroms (TOS). Dabei handelt es sich um eine neurovaskuläre Kompression im Bereich des oberen Thoraxausgangs, die zu Schmerzen, Parästhesien und Schwäche in der oberen Extremität führen kann. Der Roos-Test ist eines der am häufigsten verwendeten Verfahren, um eine solche Kompression des Plexus brachialis und der begleitenden Gefäße nachzuweisen.


Anatomische und pathophysiologische Grundlagen

Das Thoracic-Outlet-Syndrom bezeichnet eine Gruppe von Symptomen, die durch die Kompression neurovaskulärer Strukturen zwischen der oberen Thoraxapertur und der Axilla verursacht werden. Hauptsächlich betroffen sind:

  • der Plexus brachialis (neurologische Komponente),
  • die Arteria subclavia (arterielle Komponente),
  • die Vena subclavia (venöse Komponente).

Die Kompression kann an verschiedenen anatomischen Engstellen auftreten, unter anderem:

  1. im Skalenusdreieck (zwischen Musculus scalenus anterior und medius),
  2. im Kostoklavikularraum (zwischen erster Rippe und Clavicula),
  3. im subkorakoidalen Raum (unter dem Musculus pectoralis minor).

Durch Überkopfarbeiten, Fehlhaltungen, muskuläre Dysbalancen oder knöcherne Anomalien kann eine Einengung dieser Bereiche entstehen. Der Roos-Test dient dazu, eine solche Kompression dynamisch zu provozieren und symptomatisch nachzuweisen.


Ziel und Indikation des Roos Tests

Der Roos-Test wird durchgeführt, um:

  • eine neurogene oder vaskuläre Kompression im Bereich des Thoracic Outlet zu identifizieren,
  • Symptome wie Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen oder Schwäche in der oberen Extremität zu reproduzieren,
  • die Belastbarkeit und Funktion der betroffenen Strukturen unter dynamischer Beanspruchung zu prüfen.

Er findet Anwendung in der orthopädischen, neurologischen und gefäßmedizinischen Diagnostik und dient häufig als Screening-Test bei Verdacht auf ein Thoracic-Outlet-Syndrom.


Durchführung des Roos-Tests

Patientenposition

Der Patient wird sitzend oder in seltenen Fällen stehend gelagert. Beide Arme werden in folgende Position gebracht:

  • Schulterabduktion: 90 Grad
  • Ellenbogenbeugung: 90 Grad
  • Außenrotation der Schulter

Diese Position ähnelt der Haltung beim „Hände hoch“-Signal, weshalb der Test umgangssprachlich auch als Hands-up-Test bezeichnet wird.

Testablauf

  1. Der Patient wird gebeten, dreimal pro Sekunde die Finger zu öffnen und zu schließen (langsames Zusammenpressen und Strecken der Finger).
  2. Diese Bewegung wird für drei Minuten aufrechterhalten.
  3. Während des gesamten Tests beobachtet der Untersucher den Patienten und erfragt alle subjektiven Empfindungen (z. B. Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerz, Schweregefühl, Muskelschwäche).

Bei der vaskulären Variante (auch Hyperabduktionstest oder EAST-Test – Elevated Arm Stress Test – genannt) wird zusätzlich der Radialispuls überwacht. Eine Abnahme oder das Verschwinden des Pulses während des Tests kann auf eine arterielle Kompression hinweisen.


Interpretation – Wann ist der Roos-Test positiv?

Ein positiver Roos-Test liegt vor, wenn einer oder mehrere der folgenden Befunde auftreten:

  • Der Patient kann die Arme nicht über die gesamte Dauer von drei Minuten in Position halten.
  • Es treten Parästhesien, Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Arm oder Hand auf.
  • Der Patient berichtet über Schmerzen, Schweregefühl oder Kraftverlust.
  • Der Radialispuls nimmt ab oder verschwindet vollständig (bei vaskulärer Komponente).

Ein positiver Befund weist auf eine Kompression der neurovaskulären Strukturen im Bereich des Thoracic Outlet hin. Allerdings ist zu beachten, dass der Test nicht zwischen neurologischer und vaskulärer Ursache unterscheiden kann.


Genauigkeit und Aussagekraft

Die diagnostische Zuverlässigkeit des Roos-Tests ist in der Literatur umstritten. Studien zeigen eine hohe Sensitivität, aber eine variabel niedrige Spezifität, was auf eine erhebliche Zahl falsch-positiver Ergebnisse hinweist.

StudieSensitivitätSpezifitätBemerkung
Roos (1976)Erstbeschreibung des Tests
Henni et al. (2019)0,620,66Signifikante mikrovaskuläre Veränderungen bei TOS-Patienten
Nord et al. (2008)Hohe Rate falsch-positiver Ergebnisse
Plewa & Delinger (1998)77 % falsch-positive Resultate bei Gesunden

Die Literatur berichtet von Sensitivitätswerten zwischen 0,52 und 0,84 und einer Spezifität von 0,30 bis 1,00. Diese große Streuung erklärt sich aus unterschiedlichen Patientenkollektiven, Testprotokollen und Interpretationskriterien.

Daher sollte der Roos-Test nicht als alleiniger diagnostischer Nachweis für ein Thoracic-Outlet-Syndrom herangezogen werden, sondern im Rahmen einer klinischen Gesamtbeurteilung und ergänzender bildgebender oder elektrophysiologischer Verfahren.


Klinische Relevanz und mögliche Fehlerquellen

Der Roos-Test ist ein dynamisches Belastungsmanöver, das sowohl neurale als auch vaskuläre Strukturen beansprucht. Auch bei gesunden Personen kann die Haltung über drei Minuten zu Muskelermüdung und unspezifischen Beschwerden führen.

Wichtige Hinweise zur Durchführung:

  • Der Untersucher sollte den Test beidseitig durchführen, um Vergleichswerte zu erhalten.
  • Muskelermüdung allein ist kein pathologisches Zeichen, sondern physiologisch.
  • Eine detaillierte Dokumentation der Symptome (Zeitpunkt, Art, Lokalisation) erhöht die Aussagekraft.
  • Die Kombination mit anderen Provokationstests (Adson-, Wright- oder Kostoklavikulartest) kann die diagnostische Sicherheit erhöhen.

Vergleich zu anderen Provokationstests

TestHauptstrukturProvokationsmechanismusBesonderheit
Roos-TestPlexus brachialis, A. subclaviaDynamische Kompression durch ArmhebungBelastungstest über Zeit
Adson-TestA. subclavia, Plexus brachialisDrehung des Kopfes und tiefe InspirationErfasst v. a. Skalenuskompression
Wright-TestA. subclaviaHyperabduktion des ArmsPrüft subkorakoidale Engstelle

Der Roos-Test gilt als empfindlichster Test zur Beurteilung des Thoracic Outlet, während der Adson- und der Wright-Test spezifischere Informationen über die Lokalisation der Kompression liefern können.


Praktische Bedeutung in der klinischen Untersuchung

Trotz seiner begrenzten Spezifität ist der Roos-Test ein wertvolles Screening-Instrument, insbesondere in der initialen Untersuchung von Patienten mit:

  • unklaren Schulter- oder Armschmerzen,
  • Parästhesien in der oberen Extremität,
  • Belastungsabhängigen Symptomen bei Überkopfarbeiten,
  • Verdacht auf neurologische Kompressionen des Plexus brachialis.

In Kombination mit einer ausführlichen Anamnese, körperlichen Untersuchung und ggf. bildgebenden Diagnostik (z. B. Duplexsonographie, MRT, Angiographie) liefert der Test wertvolle Hinweise für die weitere Abklärung.


Wissenschaftliche Diskussion und aktuelle Forschung

Neuere Studien untersuchen die mikrovaskulären Reaktionen während des Roos-Manövers mittels moderner Bildgebung und hämodynamischer Messmethoden. Henni et al. (2019) zeigten, dass bei Patienten mit TOS während des Tests signifikante Ischämien auftreten, die objektiv messbar sind. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Roos-Test – in Kombination mit instrumentellen Verfahren – ein objektives Diagnosetool werden könnte.

Darüber hinaus besteht zunehmendes Interesse an der standardisierten Dokumentation der Testergebnisse und der Abgrenzung zu anderen Kompressionssyndromen wie dem Karpaltunnelsyndrom (CTS) oder der zervikalen Radikulopathie.


Fazit

Der Roos-Test ist ein einfach durchzuführendes, nicht-invasives und dynamisches Verfahren zur Beurteilung eines möglichen Thoracic-Outlet-Syndroms. Er erlaubt eine funktionelle Einschätzung der neurovaskulären Belastbarkeit im Bereich des Schultergürtels.

Trotz seiner hohen Sensitivität sollte der Test nicht isoliert interpretiert werden. Falsch-positive Ergebnisse sind häufig, insbesondere bei gesunden Personen oder bei alternativen Ursachen für Schulterschmerzen. In der klinischen Praxis dient der Roos-Test daher vor allem als Teil einer multimodalen Diagnostik, die durch weitere Tests und bildgebende Verfahren ergänzt werden sollte.


Glossar

  • Thoracic Outlet: Oberer Brustkorbausgang, durch den Nerven und Gefäße in die obere Extremität ziehen.
  • Plexus brachialis: Nervengeflecht, das die motorische und sensible Versorgung des Arms übernimmt.
  • A. subclavia / V. subclavia: Hauptgefäße, die Blut in die und aus der oberen Extremität transportieren.
  • Parästhesie: Missempfindung wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl.
  • Ischämie: Minderdurchblutung eines Gewebes.
  • Sensitivität / Spezifität: Statistische Maßzahlen zur Bewertung diagnostischer Tests.
  • Hyperabduktionstest (EAST-Test): Variante des Roos-Tests mit Pulsüberwachung.
  • Skalenusdreieck: Raum zwischen den Halsmuskeln Musculus scalenus anterior und medius.

Weiterführende Literatur und Quellen

  1. Roos DB. Congenital anomalies associated with thoracic outlet syndrome. Anatomy, symptoms, diagnosis, and treatment. Am J Surg. 1976;132(6):771–778. doi:10.1016/0002-9610(76)90456-6.
  2. Henni S, Hersant J, Ammi M, et al. Microvascular response to the Roos test is feasible and reliable in patients with suspected thoracic outlet syndrome. Front Physiol. 2019;10:136. doi:10.3389/fphys.2019.00136.
  3. Nord KM, Kapoor P, Fisher J, et al. False positive rate of diagnostic maneuvers for thoracic outlet syndrome. Clin Neurophysiol. 2008;48(2):67–74.
  4. Plewa MC, Delinger M. The false-positive rate of thoracic outlet syndrome shoulder maneuvers in healthy subjects. Acad Emerg Med. 1998;5(4):337–342.
  5. Rayan GM, Jensen C. Thoracic outlet syndrome: provocative examination maneuvers in a typical population. J Shoulder Elbow Surg. 1995;4(2):113–117.
  6. Dutton M. Orthopaedic Examination, Evaluation, and Intervention. 3rd ed. McGraw-Hill; 2012.
  7. Dhatt SS, Prabhakar S. Manual of Clinical Examination in Orthopaedics. Jaypee Brothers; 2013.